Genug gegessen eine Portion Leben geht noch

Genug gegessen – eine Portion Leben geht noch

Schlechte Zeiten? Manchmal essen wir, obwohl wir uns eigentlich nach Nähe sehnen. Manchmal sehnen wir uns nach mehr, obwohl wir eigentlich zu viel haben. In beiden Fällen sehen wir, dass wir uns unsere echten Bedürfnisse nicht eingestehen. Wozu das führt und warum wir nie aufhören sollten Fragen zu stellen, will ich heute verstehen.

Wir wachsen auf mit einem Gefühl des Mangels und das ist eine Premiere in der Geschichte. Die erste Generation, die mit Essen, Kleidung und Haushaltsreiniger die Qual der Wahl verbindet. Melisse oder Grapefruit? Gelb oder grün? Chemiekeule oder umweltschonend? Aktivschaum oder Sprühkopf? Marke oder no name? Doppelpack oder Sparabo? Es gibt so viele Möglichkeiten zu reinigen, so viele Zielgruppen. Das Ende vom Lied ist, dass wir mit dem Putzlappen in die Ecken unter der Spüle kriechen, weil da der Saugroboter nicht hinkommt und die Putzfrau die Krümel in den Ecken nicht sehen will. Wenn das gelbe Gift nicht giftig genug ist, wird das grüne Gift in der Hoffnung auf eine kraftvollere Reinigung gekauft. Einige Putzorgien später hat sich eine bunte Vielfalt an Reinigungsmitteln ergeben. Obwohl wir in diesem Moment bereits zu viel haben, sehnen wir uns nach noch mehr: Nämlich den einen Haushaltsreiniger, der alles kann.

Vielleicht ein blödes Beispiel, aber bestimmt nicht absurder als die Wirklichkeit. Stets leben wir mit dem unangenehmen Gefühl, wir könnten an anderer Stelle etwas verpassen, noch mehr für uns aus der Situation rausholen und noch exklusiver leben. Das mag sogar stimmen, aber die Frage ist, ob uns das noch mehr tatsächlich glücklicher oder nur maßloser macht? Muss das ständige Überangebot nicht zu Gier und Maßlosigkeit führen? Schon lange ist die Maßlosigkeit keine Todsünde mehr, sondern zum Attribut des perfekten Konsumenten gereift.

Der Ikea-Claim „Wohnst Du noch oder lebst Du schon“, hat hier einen wunden Punkt getroffen, obgleich das Ikea-Leben vor allem eines anstrebt: Den Konsum. Ja, manchmal sehnen wir uns nach mehr, obwohl wir eigentlich zu viel haben.

Das zu viel an Dingen verdeckt unsere tiefen Bedürfnisse – es entfernt uns regelrecht von uns selbst. Wir beginnen für Dinge zu arbeiten, die uns emotional nicht erfüllen. Wir konsumieren, um aufzufallen. Dabei bemerken wir nicht, dass die gekauften Dinge zwar individuell variieren, aber wir dennoch mit dem breiten Strom der Kunden und Verbraucher schwimmen. Materiell gesehen sind wir reich. Emotional leiden wir Mangel. Was ist der Business-Trip wert, wenn Du Dich nach einem Lächeln sehnst? Was ist die Yacht wert, wenn Du außer Dir selbst niemandem mehr vertrauen kannst? Warum isst Du Schokolade, wenn Du Dir eine Umarmung wünschst?

Essen ist Genuss, aber Genuss ist nicht gleich Essen. Es gibt so viele Wege zu genießen und ein schönes Dinner ist sicher nur einer von vielen. Natürlich benötigt der Körper Nahrung – und Genuss –  manchmal übersehen wir jedoch, dass auch die Seele ihre Nahrung braucht.  Alle Essstörungen resultieren aus dem Trugschluss, dass Essen Nahrung für die Seele sein kann. Das ist sie nicht. Die Seele wünscht sich Nähe, Freundschaft, Liebe, Erfüllung, Sinn und positive Gedanken. Wer sich diese Bedürfnisse nicht eingesteht, der verweigert sich selbst eine Portion Leben.

Was denkst Du über diesen Gedankengang? Ich bin gespannt auf Deine Meinung. 

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