Meine ersten Schritte mit gebrochenem Fuß

Meine ersten Schritte mit gebrochenem Fuß

Diagnose: Fußknochen gebrochen

Einmal ein falscher Schritt, ein falsches Aufkommen und ich habe mir den seitlichen Fuß-Knochen gebrochen – in Vorfreude und Vorbereitung schwungvoll über den Koffer gestürzt. Es tut schrecklich weh, aber mein Vater hat stets gesagt: „Wenn es richtig weh tut, dann ist nichts gebrochen – nur geprellt.“ Sein Worte in Gottes Ohr. Nachdem der Schmerz zwei Tage später unverändert stark ist, lasse ich den Fuß röntgen. Das Schlamassel eine Woche vor dem geplanten Bali-Urlaub ist unübersehbar und unausweichlich. Ausnahmen widerlegen die väterlichen Regeln. Durch ist durch. Passiert ist passiert.

 

Schlafgas und Spritzenphobie

Ohne Spritze geht es nicht.

Jetzt sitze ich im Wartesaal der Klinik und warte auf die OP. Bewusst leben und warten. Mir ist flau im Magen, denn zum einen bin ich nüchtern und zum anderen graut mir vor der Vollnarkose. Eingegipste Beine fahren über den Flur. Inzwischen ist die Anästhesie zwar unheimlich gut und berechenbar, aber eine Rest-Ungewissheit bleibt stets. Bei der OP meines Vaters habe ich meinen Allheilglauben an die Medizin verloren, aber der Eingriff an meinem Fuß ist nicht mit einer OP an den Organen vergleichbar. Insofern besteht kein Grund zur Beunruhigung. Ach, es wäre so schön, wenn ich es bereits hinter mir hätte! Ich habe eine Spritzenphobie und der Anästhesist hat mich bereits auf das Kommende vorbereitet. Ohne Spritze geht es nicht. Die Maske mit Schlafgas wirkt noch bei Kindern, aber bei Erwachsenen nicht mehr so gut. Leider, denke ich und an all die Menschen, die sich dem Thema häufiger als einmal alle zwanzig Jahre stellen müssen. Ich bin voll tiefen Respekts und reiße mich zusammen…

Die Herausforderungen des Alltags

Ich kann es selbst kaum glauben, und weiß nicht, ob ich heulen oder stolz sein soll.

Vor zwei Tagen war die OP – die Zeit rast, wenn man unter Schmerzmitteln vor sich hin dämmert. Um 8, um 12 und 17 Uhr kommt das Essen. Dazwischen fließt unverhältnismäßig viel Zeit in Aktionen wie Aufstehen, Waschen, Umziehen. Der Alltag ist nach einer OP nicht selbstverständlich, sondern eine große Herausforderung. Nun habe ich lediglich eine „kleine“ Fuß-OP hinter mir, aber die Beeinträchtigungen sind massiv. Gott, wie muss es Menschen mit organischen Leiden ergehen! Die Physiotherapeutin zeigt mir wie ich auf Krücken Treppen gehen kann. Der Krankenpfleger hilft mir mit Engelsgeduld die erste Spritze selbst zu setzen. Zehn Sekunden später falle ich zwar in Ohnmacht, aber ich habe es geschafft – trotz Spritzenphobie! Ich kann es selbst kaum glauben, und weiß nicht, ob ich heulen oder stolz sein soll. Es endet in einem aufwühlenden Gefühl dazwischen.

Neue Herausforderungen – neue Lösungen

Schnell sehe ich die vielen kleinen großen Hürden, die mein Alltag birgt.

Heute bin ich also wieder nach Hause gegangen. Die Ankunft zu Hause ist schön, aber auch ernüchternd. Schnell sehe ich die vielen kleinen großen Hürden, die mein Alltag birgt. Da ändert der Minimalismus nicht viel daran. An der Krücke habe ich einen Einkaufsbeutel befestigt, um Kleinkram effektiv von A nach B transportieren zu können. Ein Teller mit Essen lässt sich so natürlich nicht bewegen – zumindest nicht so, dass der ästhetische Eindruck bewahrt bliebe. Mal eben in der Hand ein Glas Wasser herumtragen geht nicht ohne weiteres, denn zum Gehen benötige ich beide Krücken und beide Arme. Im Bad hat mir mein Freund einen Stuhl bereitgestellt, damit ich sitzend Zähne putzen und mich waschen kann. Haare wachen erfordert hohe Gelenkigkeit – mit Kopf in der Wanne und Bein in der Luft. Das Wissen wie abstrus das aussehen muss, bringt mich zum Lachen.

Sehnsüchtige Gedanken an die Normalität

Um 19:00 Uhr setze ich meine zweite selbst injizierte Spritze gegen Thrombose. Um 20 Uhr abends bin ich bereits total geschafft vom Tag und liege schlafbereit im Bett. Der Fuß schmerzt gegen Abend und vor allem in der Nacht. Ich wünschte, ich könnte die Zeit acht Wochen vorspulen, um das ganze Thema bereits abgeschlossen hinter mir zu wissen. Unterschätzt habe ich den Alltag mit Krücken, Spritzen, Schmerz auf jeden Fall. Gut, dass der Wundschmerz in wenigen Tagen abgeklungen sein wird. Dann wird alles etwas leichter.

Yes, I can

Die Hilfsbereitschaft, der ich derzeit begegne, ist groß.

Wo ein Wille, da ein Weg. Ich entwickle Hornhaut an den Handballen, da dort die Krücken beim Laufen aufliegen. Meine neuen Fahrradhandschuhe werden mich vor weiteren Blasen schützen. Ein Tragegurt verbindet die Krücken, so dass ich sie mir umhängen kann – so muss ich nicht stets einen Ablageort finden und vermeide, dass die Krücken ständig umkippen. Die Einkaufstasche dient mir weiterhin als nützlicher Helfer, um Kleinkram von A nach B zu transportieren. Mein Activity Tracker zählt brav meine täglichen Schritte – ihm vertraue ich auch an, was ich esse. Das ermöglicht mir eine gewisse Kontrolle über meinen Kalorienverbrauch. Ich will ja nicht dick werden, weil ich mich zu wenig bewege. In diesem Kontext will ich noch ergänzen, dass ich inzwischen mit den ersten physiotherapeutischen Übungen angefangen habe. Es tut gut, nach und nach wieder Kontrolle über die eigenen Muskeln zurückzugewinnen. Lebensmittel bestelle ich über die Prime Now App oder die Rewe App.
Tatsächlich ist allerdings das wichtigste Learning für mich, andere um Hilfe zu bitten. Die Hilfsbereitschaft, der ich derzeit begegne, ist groß. Es überrascht mich, dass ich mir dessen sonst nie so bewusst bin wie jetzt.

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