Plan International und die Nelken aus Nagekeo

Nach eineinhalb Wochen in Labuan Bajo ist es endlich soweit Plan International in Nagekeo zu besuchen: Der Flug nach Kota Ende im Osten der indonesischen Insel Nusa Tinggara Tim steht zum Check-in bereit. Nach den trockenen Tundra-Landschaften auf den Inseln um Labuan Bajo, sind wir überrascht, Kota Ende in saftiges Grün gebettet vorzufinden. Das Stadtbild wirkt geordnet, authentisch und im Vergleich zum plastikübersäten Labuan Bajo intakt. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass die Region bislang vom internationalen Tourismus unbehelligt blieb. „In Ende“, scherzen wir, „sind wir am Ende der Welt angelangt.“

Plan International wartet bereits

Micella von Plan International erwartet uns am Flughafen und unversehens beginnt die Reise ins Hinterland. Vorbei an Stränden mit schwarzem Sand windet sich die Straße wie eine Schlange die Küste entlang, um anschließend in die Hügel des Hinterlands zu führen. Je weiter wir fahren, desto schmaler werden die Straßen, bis wir uns schließlich auf einem schmalen holprigen Pfad durch den unwegsamen Dschungel befinden. Der Gegenverkehr beschränkt sich auf vereinzelte Motorräder, auf denen junge Männer und Jugendliche durchs Unterholz preschen. Geschwindigkeit lässt auch hier die Männerherzen höher schlagen wie das rasende Interesse unseres Fahrers beweist: „Ist ein BMW teurer als ein Mercedes?“, oder, „Wo liegt das Geschwindigkeitslimit auf deutschen Autobahnen?“
Mittags ist Unterrichtende. Die Kinder sind in kleinen Gruppen zu Fuß auf dem Nachhauseweg und grüßen uns, sobald sie das Plan International Logo auf dem Wagen erkennen. Es überrascht und beeindruckt, dass hier wirklich jedes Kind das Team von Plan kennt.

„Wo liegt das Geschwindigkeitslimit auf deutschen Autobahnen?“
Im Dorf bei Maria Sartika

Nach 3 1/2 Stunden Fahrt erreichen wir das Dorf Kotuwuti in der Region Nagekeo, in dem bis dato noch nie ausländische Besucher angekommen sind. Circa 850 Menschen leben hier – unter anderem mein Patenkind Maria Sartika mit ihrer Familie. Etwas mulmig wird uns, als wir sehen mit welcher Aufmerksamkeit unsere Ankunft gewürdigt wird. Gefühlt hat sich das halbe Dorf vor dem Haus der Familie versammelt. In diesem Moment wird uns bewusst, dass die Begegnung für Maria Sartikas Familie nicht minder aufregend ist, als für uns. Lange haben wir uns auf diesen Tag gefreut. Wir reichen den Dorfältesten die Hände. In traditionellen Gewändern haben sie sich vor dem Haus aufgereiht, um uns zur Familie zu geleiten. Der Vorsteher des Dorfes, der sich als Maria Sartikas Onkel vorstellt, legt uns auf der Türschwelle in festlicher Manier traditionell-bestickte Schals um den Hals. Wir fühlen uns geehrt und begrüßen Maria Sartika, ihre Eltern sowie ihre ältere Schwester.

Ein ungewöhnliches Gastgeschenk?

Unser Gastgeschenk besteht neben individuellen Kleinigkeiten aus alltäglichen Verbrauchsgütern wie Reis, Zucker, Öl zum Braten, Tee, Kaffee, Waschmittel, Zahnbürsten, Stiften, Schulheften und Süßem für die Kinder. Micella hat uns diesbezüglich beraten, denn während Seife in Deutschland ein unhöfliches Gastgeschenk darstellen würde, hilft es hier ungemein, den Alltag zu erleichtern. Beim gemeinsamen Festessen, das die Familie aus den selbstangebauten Feldfrüchten zubereitet hat, beginnt das gegenseitige Beschnuppern. Wir erzählen von unserem Plan den Vulkan Kelimutu am folgenden Tag zu besuchen. Maria Sartikas Tante erzählt stolz, bereits ebenfalls zweimal dort gewesen zu sein. Wir schlagen den Berg als Ziel für einen „Late Honeymoon“ der Eltern vor. Die Vorstellung löst allgemeine Erheiterung aus und bricht das Eis. „Hier sieht jeder Tag gleich aus“, wirft der Dorfvorsteher ein. Die Frau des Dorfvorstehers kaut zufrieden eine Betelnuss. Bis zu 30 Betelnüsse am Tag heitern ihren Alltag auf. Dank des Übersetzers ist es möglich, ein Gespräch zu führen, das über die reinen Höflichkeitsfloskeln hinausgeht.

„Dies illustriert wie sehr es den entlegenen Dörfern an Handelswissen sowie einer fairen Preiskalkulation fehlt.“
Gewürznelken aus Nagekeo

Maria Sartikas Vater erzählt, was er auf seinen Feldern anbaut. „Vor allem Gewürznelken“, sagt er, „die zu den hierzulande beliebten süßen Zigaretten weiterverarbeitet werden.“ Das durchschnittliche Einkommen eines Farmers liegt in dieser Region bei 18.000 IDR pro Tag. Das sind umgerechnet 1,21€ und entspricht in Indonesien in etwa dem Gegenwert einer Packung Zigaretten. Maria Sartikas Vater beschreibt, wie er die Bäume erklimmt, um an die Stempel der Blüten zu gelangen. Zwei bis drei Kilo der Nelken erntet er in schwindelerregender Höhe und ohne Sicherung, bevor er wieder auf festen Boden zurückkehrt. 5.000 IDR erhält er für das Kilo Nelken auf dem Markt. Genau so viel zahlt auch der fahrende Händler, der alle drei Monate 100 Kilo abnimmt. Auf diese Weise lassen sich Transportkosten einsparen. Tags darauf werden wir das Kilo Nelken in Kota Ende für 100.000 IDR auf dem Markt finden.

Das Plan International Programm in der Region Nagekeo

Dies illustriert wie sehr es den entlegenen Dörfern an Handelswissen sowie einer fairen Preiskalkulation fehlt. Für Menschen wie Maria Sartikas Mutter, die ihr Leben lang nicht weiter als in das Nachbardorf gelangt ist – stellt eine angemessene Preisbildung eine große Herausforderung dar. Rat und Hilfe von außen sind wertvoll. Eines von drei durch Plan International initiierten Kernprojekten in Nagekeo widmet sich daher dem Thema „Education“. Die beiden anderen Schwerpunkte befassen sich mit „Child Protection“ und „Sanitary Issues“. Das Programm sichert die Ausbildung qualifizierter Lehrkräfte, das Nachrüsten von Sanitäranlagen in Schulen bis hin zu Ansprechpersonen, die in Fällen der Gewaltanwendung gegenüber Kindern, konsultiert werden können.

„Zurück in Deutschland, gehe ich in den Supermarkt und sehe die 25 Gramm Dose Nelken im Gewürzegal stehen.“
Hilfe dank hoher Vernetzung

Micella und das Plan-Team vor Ort informieren und beantworten all unsere Fragen, ohne dabei angesichts der vielen Herausforderungen auch nur eine Sekunde Optimismus missen zu lassen. Man kommuniziert zukunftsorientiert, was erreicht wurde und treibt fokussiert die weiteren Schritte voran. Besonders beeindruckt uns die großflächige Vernetzung, die nach nur vier Jahren Arbeit in Nagekeo darin resultiert, dass bereits 7500 Kinder und deren Familien am Plan-Programm partizipieren. Jede der 33 involvierten Dorfkommunen stellt freiwillige Helfer bereit, die als lokaler Ansprechpartner die Kommunikation zwischen den einzelnen Familien und Plan vereinfachen.

 

 

Eine Dose Nelken im deutschen Supermarktregal

Nach einem abschließenden Fototermin sind alle glücklich und zufrieden, denn die Bilder werden uns bis zum nächsten Wiedersehen an die unvergessliche Begegnung erinnern. Theoretisch erscheinen Hilfsprogramme oftmals abstrakt, doch unser persönlicher Besuch bei Maria Sartikas Familie hat die emotionale Bindung ungemein verstärkt. Die Vorstellung dessen, was Plan International in Nagekeo vorantreibt, ist mit diesem Besuch auf überzeugende und sehr persönliche Art und Weise konkret geworden. Mit diesem Artikel wollen wir unseren Dank sowie unsere Anerkennung für Plan International aussprechen und insbesondere die Arbeit des Teams in Nagekeo würdigen.
Zurück in Deutschland, gehe ich in den Supermarkt und sehe die 25 Gramm Dose Nelken im Gewürzegal stehen. Sie kostet 2€. Maria Sartikas Vater erhält davon 125 IDR, was 0,01€ entspricht. Der Duft von Nelken erinnert mich an Weihnachtsgebäck und an Nagekeo.

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