Vegan ist kein kulinarischer Minimalismus

Vegan ist kein kulinarischer Minimalismus

Entgegen der Erwartung ist vegan keine Einschränkung – es ist kein kulinarischer Minimalismus, sondern vielmehr die Entdeckung einer neuen Geschmackswelt. Du bist Vegetarier und spielst mit dem Gedanken vegan zu leben? Unbedingt ausprobieren! Als Kur unbedenklich und auf Dauer darstellbar – aber sicher nicht für jedermann das Wahre. Ernährung ist etwas sehr Individuelles und daher sollten alle „umprofessionellen“ Ratschläge zu diesem Thema mit Vorsicht genoßen werden. Da bin ich keine Ausnahme. Als Laie kann auch ich nur von meinen subjektiven Erfahrungen mit veganer Ernährung berichten.

Weder Fleisch noch Fisch

Seit ich 12 bin, esse ich weder Fleisch noch Fisch. Fisch hat mir noch nie geschmeckt und auf Salami auf dem Brot kann ich getrost verzichten. Ein großer Fleischesser bin ich als Kind nie gewesen, aber zu Spaghetti Bolognese sagt wohl kaum ein Kind nein. Auch ich nicht. Mit 12 habe ich dann die ersten Bücher über die Lebensmittelproduktion und -Industrie gelesen. In Folge dessen ist mir der Appetit auf einiges vergangen und ich habe zur Freude meiner Mutter beschloßen, vegetarisch zu leben. Vielfältig, abwechslungsreich und bunt – in 13 Jahren vegetarischer Genüsse habe ich nichts vermisst.

“ Du bist Vegetarier und spielst mit dem Gedanken vegan zu leben?“
Vegane Ernährung als Kur

Im Jahr 2015, während meines Auslandssemesters in Paris beschloss ich den nächsten Schritt zu gehen und vegan und zuckerfrei zu leben. Grund dafür lag in meiner eigenen kulinarischen Eintönigkeit. In Frankreich, so dachte ich, wäre es eine Schande Baguette und Käse zu verschmähen. Also aß ich davon mehr als gewohnt. Zu viel Fett und Kohlenhydrat für meinen grünen Gaumen, denn nach vier Wochen fühlte ich mich träge wie ein Camembert. Ohne Ei, Zucker und Milchprodukt – das schien mir die perfekte Kur und genau das war es auch.

Auf kulinarischer Entdeckungstour

Ein paar Wochen später ging es mir blendend. Ich hatte abgenommen, keinen Heißhunger auf Süßes und fühlte ungeahnte Energie. Ich begann neue Lebensmittel zu entdecken und lief glücklich nach der Uni in den Bio-Supermarkt. Quinoa, Hirse, Mais und Buchweizenmehl lösten als glutenfreie Alternativen den weißen Weizen ab. Riegel aus Trockenfrucht und rohen Kakaoschalen ersetzten Süßigkeiten. Statt Käse gab es Aubergine, Tofu und Mandelmuß.
Mein Speiseplan veränderte sich grundlegend. Eine kulinarische Entdeckungstour, die den Körper durchatmen ließ, aber zugleich jeden Restaurantbesuch in einen Akt der Unmöglichkeit verwandelte. Als Vegetarier gibt es in Paris einige Optionen. Als Veganer, der zudem weder Gluten noch industriellen Zucker isst, gibt es weder in Paris noch im Rest Europas gute Alternativen. Selbst im Salat lauert das Risiko: Weizenbrot und Joghurtdressing. Trotz allem sagte mir mein Körper weiterhin, dass es richtig war. Wunderbare sechs Monate lang währte dieser berauschende Selbstversuch. Jedes neue Gericht war ein kreatives, ein erfüllendes Geschmackserlebnis.

„Mein Speiseplan veränderte sich grundlegend.“
Was dem Körper fehlt

Das merkwürdige Erwachen kam, als mir plötzlich die Haare ausgingen. Trotz Tofu, Vitamin B Tabletten und Algenpräparate hatte mein Körper nicht genug Eiweiß erhalten. In Kombination mit täglichem Sport, wuchsen mit jeder blonden Haarbürste die Fragen in mir. Schlussendlich begann ich nach etwas über einem halben Jahr wieder kleine Mengen Quark zu essen. Es dauerte einige Wochen, aber dann hatte sich das Thema Haarausfall beruhigt.
Inzwischen esse ich wieder wohldosiert Milchprodukte, aber nach wie vor kein Ei. Eine Lösung, die für mich optimal funktioniert und für Dich vielleicht auch. Beurteilen kannst es am Ende nur Du selbst, indem Du testest und vor allem Dich selbst beobachtest. Der Körper spürt, was ihm gut tut und wenn Du aufmerksam bist, kannst Du entsprechend darauf reagieren.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Warnen will ich jedoch vor zu abrupten Ernährungsumstellungen, da hier durch die Entgiftung starke Nebenwirkungen auftreten können. Auch der Schritt vom Allesesser zum Veganer will wohl überlegt sein, da eine Ernährungsumstellung oft nur dann von Dauer ist, wenn wir ein angemessenes Tempo ansetzen. Das Gefühl von alles auf nichts zu gehen, ist meist als Verzicht spürbar und somit ersetzt ein negatives Gefühl den ursprünglich positiv motivierten Veränderungswunsch. Zudem empfehle ich Dir jede Ernährungsumstellung zunächst als zeitlich limitierte Kur zu verstehen. Das nimmt den Druck, den Du mit den eigenen Erwartungen aufbaust. Es hindert Dich schließlich niemand daran, die Kur fortzuführen, oder?
Habt ihr bereits Ernährungsumstellungen gemeistert und einen Tipp für andere? Freue mich über eure Erfahrungen und Kommentare.

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Comments

  1. Liebe Rebecca

    Ich bin über MinimalismusJETZT auf deinen, doch noch sehr jungen, Blog gestossen und lese mich gerade etwas durch deine Posts.
    Jetzt bin ich grade ein bissel „baff“ – ich hab schon zig Erfahrungsberichte zum Thema Veganismus und Vegetarismus gelesen, über viele Beweggründe für oder gegen die eine oder andere Ernährungsweise gelesen .

    Deine Schilderung erinnert mich allerdings aussergewöhnlich stark an meine eigenen Erfahrungen – weshalb ich auch gleich gerne ein paar Aspekte aufgreifen würde 🙂
    Du schreibst, dass du deinen Proteinbedarf nicht decken konntest – obwohl du, rein objektiv, genügend zu dir genommen hast. Nachdem du deinen Haarverlust bemerkt hast, bist du dann zu einem Arzt und hast deine Proteine kontrollieren lassen, oder hattest du einfach die Vermutung und hast es deshalb mit tierischem Protein versucht?
    Ich bin auf alle Fälle super froh, deine Geschichte „entdeckt“ zu haben, denn ich hab mich bis heute gefragt, was ich nur falsch gemacht habe; denn nie habe ich von einem sich vegan ernährenden Menschen gehört, der trotz objektiv ausreichender Proteinzufuhr ein Defizit entwickelte. Ich habe mich lange vegan ernährt, musste immer wieder „unterbrechen“ und tierisches Eiweiss zu mir nehmen, habe es erneut komplett vegan versucht – aber es schien tatsächlich, dass ich die pflanzlichen Proteine nur ungenügend aufnehmen konnte. Ich weiss bis heute nicht, woran das liegen kann… Schliesslich wird in der Fachliteratur immer wieder erwähnt, dass der Körper pflanzliches Eiweiss besser aufnehmen könne.
    Lustigerweise habe ich, genau wie du, ebenfalls wieder angefangen, Quark zu essen. Und seit dem weise ich kein Defizit mehr auf (habe das immer ärztlich untersuchen lassen). Bin allerdings auch einzig bei Quark (selten Joghurt) geblieben, also keine Milch, kein Käse oder Ähnliches.

    Entschuldige das lange Gerede, aber ich bin gerade sehr froh auf dich gestossen zu sein, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht zu haben scheint 🙂
    Und nur aus purer Neugierde: Warum hast du dich schlussendlich für eine lacto-vegetarische Ernährung entschieden, und nicht auch wieder Eier integriert?

    Aller herzlichst,
    Manon

  2. Hallo Maon,

    lieben Dank für deine Zeilen. Auch ich freue mich zu lesen, dass es jemandem ähnlich wie mir mit der veganen Ernährung ergangen ist. Wie lange hast Du vegan gelebt?

    Ärztlichen Rat habe ich mir bezüglich des Haarausfalls und Proteinmangels nicht gesucht, sondern vielmehr im Selbstversuch festgestellt, dass mein Körper tierisches Protein benötigt.

    Als Vegetarier habe ich natürlich stets die Blutwerte und insbesondere den Eisenwert beobachtet – dieser ist allerdings auch nach Jahren perfekt eingependelt. Als Veganer fühlte ich mich zunächst wunderbar und ich glaube nach wie vor, dass es eine gute Kur für Körper und Organe ist. Insbesondere der Verzicht auf Eier hat mir gut getan, da mir nach eihaltigen Speisen häufig übel wurde oder ich Magenschmerzen bekam. Solange ich Ei gegessen habe, war mir der Zusammenhang nicht aufgefallen, aber als ich Eier aus dem Speiseplan entfernte, wurde mir das rasch bewusst. Die unerwünschten Begleiterscheinungen verschwanden über Nacht. Das ist auch mit der Grund, warum ich nach wie vor keine Eier esse.

    Da ich jedoch viel Sport treibe (nach Möglichkeit täglich) scheint rein pflanzliches Protein meinem Körper nicht auszureichen. Ohne es genau zu wissen, habe ich das Gefühl, dass tierisches Protein in Form von Quark und Käse vom Körper schneller aufgenommen werden kann als Tofu und Co. Ist das auch deine Erfahrung? Wie lange dauern deine „veganen“ Intervalle an, bis dein Körper Dir sagt, dass er tierische Proteine benötigt?

    Ganz liebe Grüße,
    Rebecca

  3. Liebe Rebecca

    Zur ersten Frage, wie lange ich „vegan gelebt“ habe: das ist ziemlich schwer, das so zu sagen, aufgrund der Lücken, die ich immer wieder eingeschoben habe. Ungefähr drei Jahre, so über den Kamm gezogen. Die Dauer der einzelnen Phasen war sehr unterschiedlich; am Anfang fast ein Jahr, einfach weil ich da keine Verbindung zu einem möglichen Proteinmangel gemacht habe. Dann wurden die Phasen immer kürzer, weil ich die Zeichen meines Körpers immer besser deuten konnte. Meine „Symptome“ waren mitunter starker Haarausfall, Wassereinlagerungen (Ödeme), chronische Verdauungsproblemd aufgrund fehlender Enzymbildung, Heisshunger/fehlendes Sättigungsgefühl trotz vollem Magen… das fällt mir grad spontan ein.
    (Nebenbei: ich unterscheide zwischen „vegan leben“ und „veganer Ernährung“; ich bezieh mich auf letzteres).

    Zum zweiten Punkt: in der Fachliteratur wird ja generell gesagt, dass tierisches Protein deshalb „einfacher“ aufzunehmen ist, da es ein, dem menschlichen Körper am ähnlichsten Aminosäureprofil aufweist und wir so am einfachsten den Bedarf an essentiellen Aminosäuren decken können (= hohe biologische Wertigkeit). Pflanzliche Proteine müssen entsprechend kombiniert werden, um eine hohe biologische Wertigkeit zu erreichen.
    Ich glaube allerdings nicht, dass wir pflanzliche Proteine schlechter aufnehmen können, grundsätzlich.
    Ich tendiere eher zu der Annahme, dass die „Zusammensetzung“ der Proteinquelle entscheidend ist, da die Kombination von Makronährstoffen auch die Verdauung beeinflusst. Zum Beispiel nehmen wir Eiweisse schlechter auf, wenn der Ballaststoffanteil hoch ist, was nur bei pflanzliche Quellen der Fall ist.
    Gleichzeitig wird ja auch gesagt, dass tierisches Protein ziemlich lange im Magen/Dünndarm verweilt, weil schwer abbaubar…

    Hui, jetzt wird das ganze etwas zu tiefgründig. Was ich sagen möchte: in meinem Fall glaube ich, dass ich schlichtweg einfach immer „falsch“ gegessen habe, sprich, zwar genügend Proteine gegessen habe, aber mit einer tiefen biologischen Wertigkeit, was schlussendlich zu Defiziten bei den essentiellen Aminosäuren führte – was auch meine Blutwerte erklärt. Ich habe einfach gemerkt, dass mein Ernährungsstil in der längeren Frist immer zu einem Manko führt, wenn ich nicht täglich meinen Speiseplan überwachen würde. Und das hält bei mir einfach nicht auf die Dauer, scheint es. Möglich wärs wohl, aber nur, wenn ich das immer genau durchplanen würde – und das konnte ich einfach bis jetzt nicht mit meinem Alltag vereinbaren…

    Aber: ich glaube auch, dass es tatsächlich grosse individuelle Unterschiede in der Verwertung von Nahrung gibt, dass gewisse Menschen bestimme Lebensmittel ganz anders aufnehmen als andere (Stichwort Darmflora!).

    Herzlichst,
    Manon

    1. Nachtrag:
      Entschuldige, ich glaube, dass ich mich nicht so ganz deutlich ausgedrückt habe. Ich fass mich nochmal kurz:
      1. Ich denke nicht, dass der Mensch per se tierisches Protein braucht – dass aber gewisse Bedingungen (individuelle Verdauung, Unverträglichkeiten, Aktivitätslevel/Sport, biologische Wertigkeit, etc.) die Proteinaufnahme erschwert, weshalb die ausreichende Proteindeckung durch Pflanzen unter Umständen nicht gewährleistet werden kann und tierische Quellen dann Abhilfe schaffen.
      Ein gutes Beispiel sind vegane Proteinpulver; hast du’s damit eigentlich mal versucht? Das wär ein sehr interessanter Versuch, vielleicht könnte dein Körper die isolierten Pflanzenproteine genauso gut aufnehmen?
      Ich habe das mal eine Zeit versucht, und das hat geklappt. Jetzt fragt man sich natürlich gleich, weshalb ich das dann nicht weiter so gemacht habe. Für mich war das auf Dauer einfach keine Alternative – es ist mir zu teuer, ich esse es nicht „gerne“ und macht mich unzufrieden… Klingt vielleicht ignorant, aber Ernährung soll m. M. nach auch kein Zwang sein…

      1. Hallo Manon,

        danke Dir für deine Nachricht.
        Veganes Proteinpulver habe ich tatsächlich noch nicht probiert, aber ich bin auch kein großer Freund von Lebensmitteln, die nicht mehr offensichtlich als solche zu erkennen sind. Vermutlich sind wir da beide zu sehr Genießer, als dass uns Proteinpulver glücklich machen könnten 😉 Es soll – wie Du schon schreibst – auch kein Zwang sein.

        Drei Jahre sind auch eine lange Zeit. Hast Du die regelmäßige Kontrolle beim Hausarzt gesucht und hast Du die erneuten Anläufe in die rein vegan Ernährungsweise unter verschiedenen Bedingungen/Grundsätzen gestartet? Ich vermute es fast, denn Du schreibst, dass Du auch erst im Laufe der Zeit das Proteinpulver entdeckt hast, aber es dann auch wieder ziemlich bewusst aus dem Speiseplan gestrichen hast.

        Aufgrund des vielen Sports hat mir mein Körper ja leider oder zum Glück sehr schnell die Rückmeldung gegeben, dass ihm etwas fehlt. Für mich hat sich damit die „vegan“ Kur von ein paar Wochen für perfekt herausgestellt.

        Ganz liebe Grüße,
        Rebecca

  4. Liebe Rebecca

    Entschuldige mein verspätetes Melden! Liegt zwar jetzt ne Weile zurück, aber ich will das nicht so offen verbleiben lassen 🙂

    1) Ich habe den Quark immer allmählich ausgeschlichen und mir dann bei den Mahlzeiten die Frage gestellt, was ich brauche, um meine Portion tierisches Eiweiss zu ersetzen. Wie genannt, Proteinpulver, das aus mehreren Gründen nicht nachhaltig war. Dann die Klassiker: Weizeneiweiss/Seitan, Bohnen, Linsen & co., Pilze… Nichts spezielles also, aber ein (vergeblich) bewussteres Ersetzen.

    Zuletzt hat mein Arzt auf eine mögliche Malabsorption hingewiesen hat, da mich mein charmanter Darm schon seit Kindesalter nicht Ruhen lässt… *augenroll*
    Ich denke aber, dass es noch viel einfacher ist: auf lange Sicht unterschätze ich wohl einfach die Menge an pflanzlichen Proteinquellen…
    Die Darmgeschichte möcht ich allerdings schon mal abklären lassen…

    2) Sowieso – mehr Aktivität, mehr Energie/Nährstoffe gefragt! Deine letzte Bemerkung zur „Veganen Kur“ find ich übrigens super – vielleicht sollten wir eine neue Schublade erfinden: Protein-Vegetarier aka Carb’n Fat Vegans 😉
    Nicht, dass es an Schubladendenken mangelt…

    Liebe Grüsse,
    Manon

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