Wir haben nichts mehr zu verlieren

Wir haben nichts mehr zu verlieren

Hurra, wir haben nichts mehr zu verlieren! Während unsere Eltern noch ihr Wissen aus dicken Wälzern zogen, leben wir im Luxus der virtuellen Verfügbarkeit. Jederzeit und überall – so ein cooles Smartphone in der Tasche weiß alles. Du musst es nur stets bei Dir tragen, dann weiß es die Antwort auf alle deine Fragen.

Ein iPhone ist ein Universum, das man in der Tasche trägt.

Für unsere Eltern hat sich vor allem die Frage gestellt: wie viele Bücher kann der Mensch tragen? Wie groß sind deine Räume, die Regale, die Bibliothek? Die Bücherschränke der Intellektuellen waren gefüllter als die der Unbelesenen. Beim Betreten einer Wohnung wurde der Wissensschatz auf den ersten Blick visibel. Mit Kindle und Co ist das anders geworden. Der Spruch: „Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt“ könnte in die heutige Zeit übersetzt wie folgt lauten: „Ein iPhone ist ein Universum, das man in der Tasche trägt“.

Vermutlich bleibt es einzig dem Computer und iPhone zu verdanken, dass ich mich ohne große Mühe von rund 150 DVDs, 300 CDs und allen Büchern trennen konnte. Medien im klassischen Sinne besitze ich nicht. Wenn mich etwas interessiert, wird eifrig gestreamt und in eBooks gelesen. Die Frage, wohin mit gelesenen Büchern, stellt sich fortan nicht mehr. Das virtuelle Gedächtnis steht mir unabhängig von Raum und Zeit zur Verfügung.

Ein schönes Gefühl, wenn da nicht noch dieses gewisse Unbehagen bliebe. Womöglich ein Denkfehler? Denn bedenke ich, wie viel Lebenszeit ich der virtuellen Welt in meiner Freizeit sowie von Berufswegen widme, könnte es auch andersherum sein: Vielleicht stehe vielmehr ich dem virtuellen Gedächtnis zur Verfügung als umgekehrt. Nicht nur, dass ich meine Gedanken der virtuellen Welt anvertraue, sondern sie trägt auch systematisch die einzelnen Elemente meiner Konsum- und Genusswelt zusammen. Vieles kaufe ich ja inzwischen nicht mehr, aber auch das bleibt dem Universum in meiner Hosentasche nicht verborgen.

Wer nichts mehr hat, kann auch nichts verlieren?

Die Frauen der Beduinen tragen all ihren Schmuck stets am Körper, um ihn angesichts der vielen Reisen nicht zu verlieren und stets materiell mit Tauschbarem ausgestattet zu sein. Es handelt sich um Statussymbole, die den Stand und Reichtum einer Familie anzeigen. Je wohlhabender eine Familie, desto reicher geschmückt sind ihre Frauen.

Ob die Bücher bei meinen Eltern oder der Schmuck der Beduinen – während meine Eltern das Wissen oder die Beduinen-Familien im Verlustfall ihren Status verlieren, drängt sich mir folgende Frage auf: Einmal angenommen ich verliere mein iPhone, fehlt mir dann nicht just in dem Moment beides? Wissen und Status? Sicherlich, im nächsten Apple Store ist beides vergleichsweise rasch wieder zurückerlangt. Die Frage, inwieweit virtuelle Möglichkeiten Ausdruck eines minimalistischen Lebensstils sind, bleibt. Ein Smartphone bedeutet schließlich nicht weniger zu haben, sondern lediglich die Form zu ändern. Der Ärger beim Verlust eines abhanden gekommenen Smartphones zeigt deutlich: wir haben noch immer was zu verlieren.

 

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