Fernseh-Konsum Adieu

Wollen wir zusammen ziehen?

Wollen wir zusammen ziehen? Diese Frage ist Von den einen ersehnt und den anderen gefürchtet. Für den einen logische Konsequenz, für den anderen ein notwendiges Übel. Das A und O beim Zusammenziehen ist ein gleicher oder zumindest ähnlicher Ordnungssinn.

Warum das so ist? Ein Blick auf unsere Ängste hilft. Für Verliebte sollte es kaum Überwindung kosten, doch Zusammen in eine Wohnung ziehen, bedeutet vor allem Raum teilen und sich von eigenem Freiraum verabschieden. Die Entscheidung ist für viele nichts anderes als die nächste Ebene in einer Beziehung. Zunächst beschließt man die schönen Momente zu teilen, dann kann man sich auch den gemeinsamen Alltag vorstellen. Und erst, wer den Alltag gemeinsam bestreitet, kann sicher gehen, dass man tatsächlich die volle Bandbreite des Lebens miteinander teilen will und kann.

Wenn da nicht die Angst vor Einschränkung wäre. Vor allem, wenn der eine Partner in die Wohnung des anderen zieht, ist diese Furch besonders präsent. Schließlich hat auch das eigene Ego den vorhandenen Raum leicht gefüllt, gebraucht und nicht selten schlussendlich für zu klein befunden. In diesem Szenario soll aus reiner Liebe dann plötzlich Platz für einen weiteren Bewohner entstehen. Die eigenen Bücher, Kleider und Erinnerungsstücke müssen weichen, um die Dinge eines anderen aufzunehmen. Ohne die Dinge, kommt der Partner wohl in den meisten Dingen nicht. So wird Krimskrams akzeptabel, weil er dem Partner wichtig ist. „Liebe macht blind“, heißt es und das gilt nicht nur für die Unzulänglichkeiten des anderen, sondern vor allem die Erinnerungsstücke und den ganzen Kleinkram des anderen. Man sieht geflissentlich darüber hinweg.

Die Skala reicht dabei von ungezähmter Sammelleidenschaft und kuscheligem Chaos bis hin zum radikalen Minimalismus. Es steht außer Frage, an welchem Pol ich stehe. Für sich genommen, haben beide Pole und auch das große Feld dazwischen ihre Berechtigung. Tatsache ist jedoch, dass sich die entgegen gesetzten Pole nicht anziehen, sondern erschöpfen.

Für mich als Teenager gab es nichts Verlockenderes als den Freiraum einer eigenen Wohnung. Mein damaliger Freund hatte sich diesen Traum bereits erfüllt und so war ich häufig bei ihm. Wir sprachen über das Zusammenziehen und manchmal wohnten wir tatsächlich über Wochen  hinweg zusammen. Die große Wohnung fand ich super und ich räumte viel auf und um. Es wäre alles perekt gewesen, wenn mein damaliger Freund nicht eine große Sammellust gehegt hätte. Angefangen von den Laternen im „Sieben-Zwerge“-Look über die DVD-Wand bis hin zum prall gefüllten XXL-Kleiderschrank, war es in jedem Winkel von allem zu viel. Statt Wäsche waschen, hatte er das Kaufen neuer Kleidungsstücke verinnerlicht. Statt eines befreienden Abschieds von alten Schallplatten, begann er Schallplatten günstig aufzukaufen. Statt defekte Radios und Elektronik zu verkaufen, hortete er die alten Sachen für den Fall, dass sie irgendwann irgendwer reparieren würde.

Nein, so minimalistisch wie heute, habe ich damals nicht gelebt und konsumiert, aber dennoch war mir das tollkühne Sammeln und Zustellen einer großen Wohnung auf Dauer zu viel. Gefühlt schrumpften die hundert Quadratmeter in sich zusammen. Geschenke wurden zunehmend austauschbarer und ihre Billiglohn-Herkunft sah man ihnen meist an.

Bestimmt hielt mich der Herr für verwöhnt, aber so konnte es nicht weitergehen. Nicht für ein paar gemeinsame Wochen im Jahr und erst recht nicht für ein gemeinsames Leben. Wenn die Liebe geht, ist man nicht mehr blind. Als ich die Augen öffnete, war ich umgeben von sinnlosem Kram. Das sage ich nicht, um jemandem weh zu tun, sondern um es auf den Punkt zu bringen.

Nachdem ich mein Pendant gefunden habe, bin ich mir dessen bewusst, wie wichtig ein gemeinsamer Ordnungssinn ist. Es besteht ein großes Ungleichgewicht, solange sich der eine am Chaos des anderen stört. Ebenso groß scheint dieses Ungleichgewicht, solange sich der Sammler an der Wegwerf-Lust des Minimalisten reibt. Um Welten harmonischer scheint das Zusammenleben, wenn beide eine Welle reiten. Es birgt schlicht und einfach kein Konfliktpotential, wenn klar ist, was behalten werden soll und wovon man sich befreit.

Mein Leben ohne „Sieben-Zwerge“-Lampe ist so wunderbar. Die Frage „Wollen wir zusammen ziehen?“, macht mir keine Angst, – sobald er mir zu nahe kommt – ein anderer Ordnungssinn sehr wohl.

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Zusammen ziehen gemacht? Mich würde interessieren, ob ihr euch mit anderen Ordnungsvorstellungen in eurem Zuhause arrangieren könnt? 

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